Reinhardt Stefan Tomek

Haben wir den Menschen vergessen?

Ganzheitliche Denker, Philosophen und Wissenschaftler, im Altertum Epikur und Hippokrates, später Jakob Böhme, Rudolf Steiner, Konrad Lorenz und in neuerer Zeit die Experten des Club of Rome und Club of Budapest bis zu den aktuellen Größen wie Ronald Grossarth-Maticek, Servan Schreiber, Gerald Hüther und Maik Hosang, dem jungen deutschen Sozialökologen, haben es schon immer mehr oder weniger klar gesagt:

Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, ein Produkt aus Genen, Umwelt = Lebensraum und Lebensstil. Und es ist als Errungenschaft der modernen, demokratischen Gesellschaft – neben der Gleichstellung der Geschlechter und Rassen – eine der wichtigsten Erkenntnisse, dass wir auf unsere Umwelt, unseren Lebensraum = OIKOS und auf die Verwendung der Ressourcen, der Energie, auf sauberes Wasser und die Stoffströme, also Abfall, Müll und Recycling achten müssen, um diese Welt, in der wir und immer mehr Menschen leben, nicht weiter zu vergiften.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat in der berühmten Ottawa Erklärung ihrer Experten und Gesundheitspolitiker Gesundheit definiert als

„Zustand körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit“. Das heißt, Gesundheit ist ein sehr komplexer Prozess, der von vielen persönlichen Einflüssen abhängt. Ein Leitbild, das toll und modern ist, aber nicht sagt, was das im Konkreten bedeutet.

Die größte unabhängige Studie, die jemals gemacht wurde, um festzustellen, was uns gesund hält, kam von der Kanadischen Regierung, die Denver-Lalonde-Studie (heute Kernstück der Ausbildung aller Gesundheits-Ökonomen).

Diese kommt nach Auswertung der Lebensläufe und Krankenakten von über 100.000 Bürgern aus Kanada und Europa zum Ergebnis, dass für unsere Gesundheit ausschlaggebend sind:

37 % der Lebensstil, 24 % die Umweltfaktoren, 29 % unsere Gene und nur 10 % die klassische, kurative Medizin.

Im Klartext bedeutet dies: 61 % aller Faktoren können wir selbst beeinflussen, wenn wir Lebensstil und Umwelt beachten, analysieren. Und auch die 29 %, die unsere Gene ausmachen, sind zumindest beeinflussbar durch unser Verhalten, wenn wir ihre Prägung denn wissen.

Eine weitere wissenschaftliche Tatsache in dem Zusammenhang ist, dass wir immer noch zu 99 % den Stoffwechsel (= Metabolismus) haben, der uns in der Steinzeit genetisch geprägt hat und dass die 4 Blutgruppen aus unserer Entwicklung auch ein genetischer Stempel sind, den wir feststellen können.

FAZIT: Wenn wir also – vorsichtig gerechnet – annehmen, dass wir von den genetischen Dispositionen unseres Stoffwechsels ca. die Hälfte, sagen wir jene Gene, die den Lebensstil und das Immunsystem beeinflussen, also ca. 15 % auch analysieren können, bedeutet dies, dass wir sicher 75 % der Einflussfaktoren auf unsere Gesundheit analysieren, diagnostizieren, raten und damit managen können.

Bei den ökologischen Systemen in unserem Umfeld gibt es Gesetze, Standards und Vorschriften, wie die Qualität des Wassers und der Luft, die Abgaswerte, die Dämmung unserer Häuser, der Strom- und Energieverbrauch, die Hygiene-Bedingungen beschaffen sein sollten. Und die 10 % der klassischen, kurativen Medizin sind auch klar geregelt mit Zulassungsbedingungen für Medikamente, Operations-Standards und dem Regelwerk der gesetzlichen Krankenkassen.

Doch diese für unsere Gesundheit so ausschlaggebenden Bereiche Umwelt, Lebensstil und genetische Prägung waren nicht geregelt. Jeder konnte bisher sagen, was er meinte und machen, was er wollte. Sogar der von amerikanischen Arbeitsmedizinern und Medizin-Soziologen in den 50er Jahren geschaffene Begriff „Wellness“ und die Definition der WHO Wohlbefinden = Wellbeing, Wellness, wurden beliebig missbraucht.

Auch weiß man heute: Wenn das Ökosystem Teich oder Fluss durch Umweltfaktoren, Gifte, Müll, also meist durch das Verhalten des Menschen kippt und die Lebewesen darin z. B. die Fische sterben und man die Gründe und Ursachen herausfindet, die das Ökosystem kippen ließen und diese stoppt, ist die Selbstregulation so groß, dass das Ökosystem „renaturiert“ werden kann. Die Sache ist also komplex, aber machbar.

Und wie sieht es beim wichtigsten Produkt dieser Schöpfung, dem Menschen, dem Ergebnis von 4 Milliarden Jahren Entwicklung aus? Haben wir vergessen, beeinflusst von vielen ökonomischen Interessen oder durch die Schubladen der Wissenschaftspolitik, dass der Mensch auch ein Öko-System ist? Der Darm wiederum das größte! Nur, dass der Mensch im Gegensatz zum Teich Ängste, Phobien, Traumen, Neid, Eifersucht, Gier, Trauer, Liebe, Freude, Stolz, Enttäuschung, also Gefühle hat? Ja, wir sind ein Teich mit Gefühlen. Also noch komplexer.

DER MENSCH IST DAS KOMPLEXESTE UND GEFÄHRDETSTE ÖKO-SYSTEM DES KOSMOS.

Als Gast der ZEIT-Konferenz über „die Zukunft der Städte“ habe ich 2013 in Hamburg fasziniert eine Podiumsdiskussion verfolgt, die über das Projekt „GREEN HOSPITAL“ der Asklepios Spitalgruppe in Hamburg berichtet hat. Man sprach darüber, wie groß doch der CO²- Abdruck eines Krankenhauses in nur mittlerer Größe ist, dass er dem einer Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern entspricht. Und dass man diese enorme CO²-Belastung durch richtige Planung und Bewirtschaftung z.B. Ökobilanzen etc. verringern könnte. Ein durchaus ehrenwertes Unterfangen. Ebenso wie die Bemühungen der EU und der Politik, Energie in den Häusern zu sparen und vor allem durch neue, moderne Autos etc.

Aber als ich in die Diskussion einwarf, dass der CO²-Abdruck eines nicht notwendigerweise übergewichtigen, Diabetes II erworbenen Bürgers per Saldo bedeutend größer ist als von 2 Porsche-Fahrern, ganz zu schweigen von einem Krebskranken, wurde es still und auch die anwesenden Persönlichkeiten wie Herr Dr. Töpfer und Herr Prof. Dr. Weizäcker konnten nicht umhin festzustellen, dass man den Menschen selbst als komplexes Öko-System wohl aus dem Blick verloren habe.

Sehr deutlich wird dies auch bei der EU–Ökoverordnung: Es ist toll, dass es die ökologische Bewegung gibt.

Aber: Die Regeln berücksichtigen nur die Gesundheit der Tiere und Pflanzen, deren artgerechte Haltung, die Vermeidung von synthetischen Düngemitteln, Herbiziden, Pestiziden und unnötigen Antibiotika. Schon ein großer Fortschritt. Dennoch, auch dieser Standard hat keine Regeln für die Gesundheit des Menschen in seinem Regelwerk. Zu viel Zucker, schlechte Fette, zu viel Kohlehydrate, Vernichtung von Mikronährstoffen (wie z. B. Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe, Polyphenole etc.) durch Transport, Verpackung, Zubereitung, Produktion.

Im Bio-Salat oder in den ökologischen Sojasprossen, die von weither, sogar aus China, gewaschen, verpackt zum Bürger kommen, der von diesen Details nichts weiß, sind oft weniger Nährstoffe enthalten, als vom regionalen Bauern, der nicht biozertifiziert ist.

Auch hier ist es so: Der Mensch wurde leider in der ökologischen Prozess-Kette vergessen.

Kein Wunder, dass die EU-Kommission eine Totalrevision der Ökoverordnung fordert, aber auch diese greift zu kurz. Denn auch bei diesen Überlegungen fehlt das einzige Meta–Thema was zählt: Ökologische Prozesse müssen zum Ziel die Gesundheitsförderung und Prävention des Menschen haben.

Die WHO hat Übergewicht bereits als Pandemie eingestuft, die Zahl der Diabetiker wächst, die Zahl der Krebskranken wird – wenn sich der Lebensstil, insbesondere die industrielle Ernährung der Menschen nicht ändert, so die WHO – um 70 % in den nächsten 15 Jahren ansteigen. Auch stressbedingte Krankheiten und Depressionen, modern mit „Burnout“ beschrieben, werden ebenso wachsen.

Die Politik ist nun gefordert, eine ökonomische Katastrophe zu verhindern, weil die kurative Medizin und die Krankenkassen keine nachhaltige, systemische und ergebnisorientierte, also auch zertifizierbare Prävention kennen und können. Und weil durch die demographische Problematik, die lange lebenden Kranken, durch eine Entwicklung, der nicht genug Jugend und Geburten gegenüberstehen, die das Defizit finanzieren können, die Probleme extrem verschärft werden.

Dazu kommt noch eine weitere Gefahr: Die Stressoren und Veränderungen durch die ökologischen Folgen des Klimawandels. Durch die immer größeren Extreme des Klimas, den Wechsel von heiß und kalt, trocken und feucht, Tiefdruck und Hochdruck, oft binnen Tagen, werden die schon angelegten Gefahren für unser Immunsystem durch die Toxine von Umwelt und von industrieller Ernährung noch vermehrt.

Ich bin stolz darauf, dass ich der INtegrated ART-Gruppe angehöre, die mit ihren Wissenschaftlern und Experten, ihrer interdisziplinären Kompetenz und ihrem ethischen Anspruch gemeinsam mit der Organisation IFOAM nach vielen Jahren mit dem Standard ECOWELLNESS Parameter für Diagnostik, Systeme, Produkte und Programme geschaffen hat, die erstmalig erlauben, die 75 % bisher ungeregelten Bereiche Gene, Umwelt, Lebensstil erfolgsorientiert zu managen und zu zertifizieren.

Die Zusammenarbeit mit der kurativen Medizin ist ein selbstverständliches Gebot. Aber die kurative Medizin allein kann den nötigen Paradigmenwechsel zu einer ökologischen, medizinischen Prävention mit ihren bisherigen Regeln nicht leisten und nicht schaffen. Aber sie könnte es lernen. Warum sollte ein Krankenhaus, eine REHA-Einrichtung oder eine Altersresidenz nicht den neuen Standard „Ecowellness“ und deren Systeme, Werkzeuge und Geschäftsmodelle einführen?

Es wird Zeit, auch an einem Geschäft mit der Gesunderhaltung, der Salutogenese zu verdienen. Das ständige Behandeln der Symptome ist nicht nur falsch, sondern kein Geschäft mit Zukunft. Weil es zu viele machen. Der Wettbewerb in Richtung Prävention hat begonnen.

Wir alle müssen uns neu ausrichten für eine neue, ökologische Qualität des Lebens. Das „ÖKO-System Mensch“ braucht uns alle, um freudvoll zu überleben.