25 Jahre BioFach, 40 Jahre IFOAM:  Der noch wachsende Biosektor plant seine Zukunft
Der neue EcoWellness-Standard der IFOAM und das Leitthema der BIOFACH „Organic 3.0“  liefern neue,
dringend nötige Inspirationen in einem sich verändernden Marktgeschehen
Erfindet sich die Bio-Branche endlich neu? 

Der globale Trend bleibt positiv. Sowohl der Biomarkt als auch die Bioflächen zeigen international ein signifikantes Wachstum. In stark wachsenden Ländern wie Indien und Brasilien verordnen Regierungen und staatliche Institutionen für einzelne Regionen sogar Ökolandbau. Davon kann Europa nur träumen.

Damit wächt auch die Bedeutung der vor 40 Jahren gegründeten offiziösen Organisation IFOAM, die für die weltweite Vergabe, Zulassung und Kontrolle aller ökologischen Standards zuständig ist, so wie die WHO für medizinische und gesundheitsfördernde Standards, für  laufende Qualitätskontrolle und Forschung. Zwei der wenigen unabhängigen Organisationen.

Aber die Zuwächse sind geringer als in den Jahren zuvor. Der Zuwachs von nur 1,8 % (!) in Deutschland  auf insgesamt 6 %  an der gesamten ökologisch bewirtschafteten Anbaufläche ist eher erschreckend.
In dem kleinen Österreich ist der Anteil  immerhin 20  %, in der Schweiz 12 %.  Die Länder mit dem höchsten Bioanteil an der gesamten Landwirtschaftsfläche sind die Falklandinseln mit 36 %, gefolgt von Liechtenstein mit 30 %.

Traurig, wenn man bedenkt, dass geniale Menschen wie der deutsche Architekt, Philosoph und Forscher mit österreichischen Wurzeln Rudolf Steiner neben anderen europäischen Pionieren die ökologische und anthroposophische, dem Menschen zugewandte Bewegung begründet haben.

Was ist los mit den Deutschen, die dies quasi ins Leben riefen?
Und dabei werden davon noch ca. 60 % der Produkte nicht im Biofachhandel umgesetzt, sondern im allgemeinen LEH von ALDI bis REWE, was nicht gerne thematisiert, aber von der Schweizer Wissenschaftsorganisation FIBL unbarmherzig objektiv dokumentiert wird.

Und die Verantwortlichen der ideellen Träger der Welt-Leitmesse BIOFACH, der nationale BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V.) unter Dr. Felix Prinz zu Löwenstein und die internationale IFOAM unter Markus Arbenz  und Andre Leu haben das erkannt.

Die Bio-Branche steht unter Druck. Das merkt man in allen Foren und Mitgliederversammlungen.
Da ist die EU, die neue Regelungen plant nach etlichen Skandalen und angesichts der neuen Möglichkeiten der Health Claims Verordnung.  Und da ist der Wettbewerb mit dem konventionellen Sektor, der mit dem Thema Funktionalität von Lebensmitteln und Nachhaltigkeit mit eigenen Labels und Standards bereits starkes Wachstum im Markt zeigt. (Nestle Konzern – Chef Peter Brabeck –  „Der Kühlschrank  wird zur Hausapotheke“, Berlin 2010)

Die Bio-Branche muss  sich den Herausforderungen eines sich verändernden Marktes stellen. Gesundheit, Individualisierung, Regionalität sind mehr in den Focus geraten.
Die nächste Stufe ORGANIC 3.0  muss zünden.

„Nichts ist sicherer als die Veränderung“, so Joseph Wilhelm, einer der Pioniere der Biobranche und Gründer von „Rapunzel“  bei der Präsentation der Trend-Studie ORGANIC  3.0.
Die weltweite Diskussion um die Zukunft des Biosektors, ausgelöst  von der IFOAM und ihrem neuen Vorstand und Management  kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.
Die Studie der renommierten Forscherin Hanni Rützler, Zukunftsinstitut, Wien, im Auftrag der BIOFACH  wirft die Frage auf: Wohin will und wohin soll sich Bio entwickeln?

Die Megatrends, welche die Trend-Studie aufzeigt, erfüllt der neue EcoWellness-Standard bereits jetzt. Die Zukunft hat also schon begonnen.  Aber der Standard  wurde nach vielen Querelen und Diskussionen, die seit dem Start der Idee vor 20 Jahren andauerten, erst Ende Oktober 2013 zugelassen.
Zu spät, um damit auf der BIOFACH 2014 stärker zu werben und zu beweisen, dass die Branche zukunftsfähig  ist? Seit Jahren nervt Biopionier, Fachbuchautor und Ernährungsberater mit Medizinstudium  Reinhardt Stefan Tomek die Bio-Branche damit, dass Gesundheit das Meta-Thema ist und nicht nur Ökologie. Wozu dient Ökologie, wenn nicht der nachhaltigen Gesundheit und Lebensfreude, meint er, der schon 1992 mit dem Buch „Management by Joy“ Weichen gestellt hat.

Die Botschaft ist,  persönliche Gesundheitsförderung, Nachhaltigkeit und Regionalität mit sozialer Verantwortung zu koppeln, was auch die Studien von Hanni Rützler beweisen.
Gesundheit im Sinne der WHO ist das körperliche, geistig-psychische und soziale Wohlbefinden und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Wohlbefinden in Englisch gleich „Wellness“, als Kombi von Fitness und Wellbeing,  von Arbeits- und Sozial- Medizinern der USA um 1950 begründet.

„Die besseren Voraussetzungen der ökologischen Landwirtschaft für das Thema Gesundheitsförderung sowie psychosomatische und soziale Kriterien hat die Bio-Branche, weil es eh gut lief, jahrelang  verschlafen. Eine Ausnahme ist der ebenfalls von der IFOAM zugelassene Standard Naturland Fair, der in die richtige Richtung `mehr als  BIO` geht“, so Tomek.

Nach den neuen Studien der GfK (D) und Innova (NL), die anläßlich der ANUGA 13  veröffentlicht und vom Verband der Deutschen Ernährungsindustrie beauftragt  wurden, sind es die LOHAS (Konsumenten für einen „Lifestyle of Health and Sustainability“), die um 18 % im deutschsprachigen Raum, in den Städten sogar um mehr als 20 % wachsen. Also mehr als der „nur BIO“ Markt.
Die großen, konventionellen Marken erleiden in diesem Zusammenhang (z.B. von Knorr, Nestle, Unilever) sogar  ein Minus von ca. 6 % am Markt. Dies wird sich verstärken, da auch das Mengenwachstum nachlässt. Kein Wunder, dass sich Nestle zum „Life Style Konzern“  umkrempeln will.

Sowohl das Institut GfK als auch Innova Marketing erklären psychologisch diesen Trend damit,  „dass der heutige, moderne Mensch vor der permanenten Herausforderung steht, sich ständig öffentlich auch über digitale Netze und Medien inszenieren und profilieren zu müssen. Dieser Druck erzeugt ein Bedürfnis nach Authentizität, Personalisierung und Individualisierung, das im Bereich Ernährung, Bewegung, Gesundheit und Kultur umgesetzt wird.“ In der Ernährung entsteht daraus z.B. auch der Wunsch nach einem Lebensmittel, das die Kriterien Nachhaltigkeit, Regionalität, Bio und Gesundheitsförderung  umfasst.  Und diese Zielgruppe der LOHAS ist kritisch, gebildet und geht durch alle Altersgruppen, Nationalitäten und Genders.

Genau diese Kombination berücksichtigt der EcoWellness-Standard. Nach den von der IFOAM (www.ifoam.org) geprüften und zugelassenen Kriterien ist er das jüngste „Kind” in der IFOAM Family of Standards.
Der Präsident der IFOAM Andre Leu gratulierte zum beharrlichen Durchhalten und zur Zulassung des Standards und hat weiterhin seine Unterstützung zugesichert.

Der neue Standard fand großes Interesse auf der BioFach. 12 Produzenten von hochwertigen Produkten, die jetzt schon viel mehr Qualität ausweisen als der EU-Biostandard abfordert, werden sich auf „EcoWellness“ umstellen oder einen Teil des Sortimentes damit zertifizieren und ausloben.

Die notwendige Differenzierung ist damit für jene gegeben, die auf das Thema Gesundheitsförderung und Prävention setzen.
„Die `normale Bio-Verordnung`  mag  o.k. sein  für Lebensmittel wie Käse, Brot, Gemüse, Milchprodukte, Getränke etc. Aber warum soll ein Produzent und Verarbeiter von ökologischen Grundstoffen, der sich, untermauert mit wissenschaftlicher Beratung  und Analysen große Mühe macht, in sein Lebensmittel mehr Intelligenz zu bringen, das gleiche Gütesiegel haben und die gleichen Standards und Kontrollen wie z. B. Käse“,  reflektiert Prof. Jürgen Vormann, München, Ernährungswissenschaftler und Vorsitzender des Qualifizierungsausschusses für den EcoWellness Standard.
Das gibt auch den Bio-Verbänden die Möglichkeit, ihren Mitgliedern einen neuen Service zu liefern, ohne auf ihr Label verzichten zu müssen. „Warum sollte es nicht wie „Naturland & Fair“ einen Standard „Naturland & EcoWellness“ geben“, so Tomek.

Peter Effenberger, ein österreichischer innovativer Bio-Unternehmer sagt es deutlich: „Wir machen auf dem Acker sehr gute Produkte und in der Verarbeitung mangels Anforderungen des jetzigen EU-Standards alle wieder kaputt. Allein deshalb ist EcoWellness als neuer Bio-Standard, speziell für die Verarbeitung logisch und sinnvoll.“

Antonio Compagnoni, Vorstandsmitglied der IFOAM und des ICEA Verbandes Italien, Bologna, teilt mit, dass sein Verband bereits neben ökologischen auch Wellness Kriterien prüft. „EcoWellness“ wäre auf dem richtigen Weg und eine Zusammenarbeit mit Italien wünschenswert.

Am Messestand der IFOAM, wo EcoWellness-Produkte gereicht wurden, war Hansuno Krisch, Repräsentant der BIOFACH in Schweden überrascht, „dass Gesundheit so gut schmecken kann“.

Der Qualifizierungsausschuss für EcoWellness hat sich bereits in Berlin konstituiert und wird als gemeinnütziger Verein noch im März 2014 seine Arbeit aufnehmen.
Dr. Alexander Beck, Geschäftsführer des größten, deutschsprachigen, ökologischen Produzenten-Verbandes AOEL (ca. 2 Milliarden Euro Volumen), hat bereits vor Zulassung den neuen Standard unterstützt und im Mai 2013 den Mitgliedern vorgestellt. Er wird neben anderen hochkarätigen Experten mit dabei sein im Ausschuss, der die Parameter für die Zertifizierer vorgeben und für den Standardinhaber, die ethische und unabhängige AG INtegrated ART Holding I Berlin, weiter entwickeln wird.
Dr. Beck ist halt nicht nur Bio-Bauer, sondern auch Ernährungswissenschaftler und Manager. Mehr Wissen schadet nie.
Und Renate Künast, die auch als BM immer schon die Idee, Ökologie und Wellness zu verbinden unterstützt hat, freute sich anlässlich ihres Besuches auf der BioFach in ihrer neuen Funktion als Vorsitzende des Parlamentarischen Ausschusses  des Bundestages für Verbraucherschutz und Recht, dass es EcoWellness nun offiziell  gibt.

Materialien, Termine, Interviews: D. Fischer Medien & Verlags UG, Berlin

Regina Richter, Mobil: 0151-41252560 E-Mail: d.fischerverlag@gmail.com